Das Geld

0
776

Von Martina Berscheid

- Werbung -

Der Reichtum wohnte woanders. Das wurde Kati sofort klar, als sie in die Virchowstraße einbog. Keine schlechte Gegend, aber armselig im Vergleich zu dem, was Kati gewohnt war: Einheitshäuser, die schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Davor Kombis, ein alter BMW. Der Nieselregen färbte alles trostlos. Trotz der Blumenkästen mit den rosa Geranien.

Kati seufzte. Hier durfte sie kaum Juristinnen und Ingenieure erwarten wie im Musikerviertel, ihrem alten Revier, wo man ihr manchmal einen Fünfer zugesteckt hatte. Und wäre Frau Dr. Horkheimer aus Nummer 14 nicht gewesen, hätte sie demnächst wieder ihre Runde gemacht, die verblichenen Ponyfotos gezeigt und ihr Sprüchlein aufgesagt. Natürlich hatten die meisten im Musikerviertel daran gezweifelt, dass sie aus einer verarmten Zirkusfamilie stammte und für Pferdefutter sammelte. Aber sie hatten Kati eine Münze in die Hand gedrückt, noch bevor sie zu Ende geredet hatte. Als ob sie sie loswerden wollten, um schnellstmöglich zu vergessen, dass die soziale Ungerechtigkeit bis vor ihre Haustür kam und den Wohlstandsfrieden störte. So what. Solange die Kasse stimmte, konnte Kati vergessen, wie sehr es sie wurmte. Dass sie vor der Haustür stand und nicht dahinter.

Aber die Kasse stimmte derzeit ganz und gar nicht. Und im Musikerviertel konnte Kati sich nicht mehr blicken lassen. Sollte Kati wieder auftauchen, würden „die Behörden eingeschaltet“. Hatte die Horkheimer gesagt. Kati hatte lachen müssen, weil ihr ein Roboter in den Sinn kam, der per Knopfdruck die Straßen nach ihr absuchte. Leider hatte ihr Lachen Frau Doktor noch wütender gemacht.

„Darfst die Leute nicht zu oft anbetteln“, hatte Angela sie gewarnt, die seit Jahren das Uniwohngebiet abklapperte, einen gefälschten Behindertenausweis im Gepäck. „Irgendwann sind die nur noch genervt, da kann das bisschen Mitleid nich mehr mithalten.“

Kati strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und zog sich die Kapuze über den Kopf. Sie musste aufpassen, nicht in Pfützen zu treten, der linke Schuh hatte ein Loch in der Sohle und auf nasse Füße hatte sie keinen Bock.

An den drei ersten Haustüren öffnete niemand. Katis Hand zitterte vor Kälte, als sie auf den Klingelknopf des nächsten Hauses drückte. „Schmidt“ stand auf einem Keramikschild, geformt aus dicken, grüngrauen Würsten. Der Punkt auf dem i war ein aufgemaltes Blümchen.

„Kleinen Moment“, ertönte es von drinnen. Absatzgeklacker. Eine Frau riss die Tür auf. Sie trug ein tief ausgeschnittenes weißes Kleid und hochhackige Pumps, als habe sie sich für eine Sommerparty angezogen. Die Frau strich sich das schwarze Haar hinter die Ohren, an denen goldene Kreolen baumelten, und starrte Kati aus dunkel umrandeten Augen an. Dann verzog sich ihr campariroter Mund zu einem Lächeln. „Ja?“

Kati räusperte sich. Sie hatte eine solche Frau nicht in diesem Haus erwartet. Die hätte eher ins Musikerviertel gepasst, so wie sie aufgetakelt war. Aber wer teure Klamotten trug, nagte nicht am Hungertuch und hatte vielleicht einen Euro übrig.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Kati mit Demut in der Stimme. Brachte mehr ein, das hatte sie gelernt.

„Ich sammle für unsere Zirkuspferde. Sie brauchen dringend Futter. Der Winter war hart für uns, und möglicherweise könnten Sie …“

„Ach, die Armen. Ich hasse es, wenn Tiere leiden.“

Die Frau schlug die Hände zusammen und blickte mit kummervoller Miene in den Regen hinaus, als stünden die armen Pferde auf der Straße. Sie wirkte wie eine untalentierte Laienschauspielerin bei ihrem ersten Auftritt.

Wie du die Leute findest, darf keine Rolle spielen, hatte ihr Angela eingeschärft. Denk an das Geld und dass du es willst.

„Ich hole schnell mein Portemonnaie. Kommen Sie doch bitte so lange herein.“ Die Frau drehte sich um und ging mit federnden Schritten ins Haus.

Diese Freundlichkeit war neu. Kati war noch nie hereingebeten worden. Manche hatten sie im wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen lassen, um nach fünf Minuten mit zehn Cent aufzutauchen. Musste man wegstecken können.

Leise schloss Kati die Haustür. Sie stand in einem hell gefliesten Flur, in dem es seltsam roch und von dem mehrere Türen abzweigten, alle geschlossen. Die babyblau gestrichenen Wände waren voll mit bunt gerahmten Bildern in willkürlicher Anordnung: Manche waren nur wenige Zentimeter unter der Decke angebracht, andere hingen auf Bauchnabelhöhe. Alle zeigten Porträts einer Frau mit langem schwarzen Haar. Kati vermutete, dass sie die Hausbesitzerin darstellen sollten, aber große Begabung hatte der Maler nicht.

„Kommen Sie“, flötete es von weiter hinten.

Kati ging hastig den Flur entlang. Am Ende wartete die Frau in der offenen Küchentür. Links daneben war eine weitere Tür. Geschlossen.

„Nicht hier“, sagte die Frau, obwohl Kati nie auf die Idee gekommen wäre, die Tür zu öffnen. „Die führt nach unten. In den Keller.“

„Ah so.“

Die Frau drehte sich um und klackerte in die Küche.

„Bitte setzen sie sich. Ich muss meinen Geldbeutel suchen. Verlege ihn dauernd.“ Sie lächelte entschuldigend.

Die Küche war aus rustikalem, hellem Holz und sah auf den ersten Blick wie eine Bauernküche aus. Die goldfarbenen Griffe und die verschnörkelten Schnitzereien ließen sie jedoch protzig und überteuert wirken. Im Spülbecken stapelten sich mehrere Teller und Tassen. Auf einem Holztisch in der Mitte standen zwei grüne Kaffeebecher und eine Schale mit matschigen Erdbeeren, auf denen sich eine Armee Fruchtfliegen niederließ. Daher also der Geruch.

Kati setzte sich an den Tisch. Um nicht auf die Beeren sehen zu müssen, blickte sie aus dem Fenster, das den Blick auf einen kleinen Garten freigab. Eine Rosenhecke mit roten Blüten duckte sich im Regen, als würde sie ausgepeitscht. Das Gras stand kniehoch.

Die Frau wühlte in einer der Schubladen. Papier raschelte. Eine Dose mit Halspastillen fiel auf den Boden. Die Frau hob sie auf und warf sie energisch in die Schublade zurück.

„Ist sicher nicht einfach für Sie, auf diese Weise Geld zu verdienen“, sagte sie fröhlich.

Oh je. Der neugierige Typ. Angela hatte sie gewarnt: Leg dir eine Story zurecht. Manche geben nur etwas, wenn sie genug von dir wissen.

„Nun ja“, begann Kati.

„Wie viele Pferde haben Sie denn?“, fragte die Frau, ohne die Antwort abzuwarten.

„Zehn“, log Kati.

Die Frau riss die nächste Schublade auf. „Und wie heißen die Pferde? Haben Sie einen Liebling?“

Kati begann zu schwitzen. Sie war nett, aber wieso fragte die das alles?

Die Frau lächelte erwartungsvoll. Ihre hellblauen Augen funkelten, und sie blinzelte ständig, als wäre sie von sich selbst geblendet.

Ein Name. Mann, sie musste einen Namen sagen. Aber Katis Hirn war so leer wie ihr Geldbeutel. Vielleicht gab es da ja einen Zusammenhang. Kati unterdrückte ein bitteres Kichern.

„Angela“, sagte sie endlich und dachte, dass ihre beste und einzige Freundin tatsächlich etwas von einem Pferd hatte. „Meine Lieblings … Stute.“ Verdammt.

Ein Zucken ging durch die Miene der Frau. Ihr Lächeln erstarb auf der Stelle. „Entschuldigung. Das sollte kein Verhör werden.“

„Schon okay“, presste Kati hervor.

„Sie trinken doch eine Tasse Kaffee mit mir? Ich finde das verdammte Portemonnaie nicht. Muss noch suchen. Ich habe allerdings nur Instantkaffee. Der schmeckt mir am besten. Und ist so praktisch.“

Kati räusperte sich. Einerseits hatte sie keine Lust, den Vormittag in dieser Küche zu verbringen, um für eine gelangweilte Hausfrau das Tageshighlight zu spielen und sich ausfragen zu lassen, während sie in der Zeit jede Menge Geld machen könnte. Andererseits wäre ein Kaffee für umme nicht schlecht.

Kati blickte erneut zum Fenster, wo der Regen gegen die Scheibe klimperte. Unwillkürlich rieb sie sich ihre dünnen Arme.

„Also?“ Die Frau strahlte sie an.

„Ja. Gerne. Vielen Dank. Das ist sehr nett …“ Immer schön unterwürfig bleiben.

„Unsinn!“ Das unnatürliche Lachen der Frau hatte etwas vom Gezirpe einer Grille. Sie befüllte einen Wasserkocher.

„Milch, Zucker?“

„Nur Milch, danke.“

Die Frau nickte zum Kühlschrank. „Nur zu, bedienen Sie sich.“

Als Kati den Kühlschrank öffnete, wurde ihr fast übel. Eine halb verschimmelte Zwiebel im Gemüsefach und eine angetrocknete Salami muffelten ihr entgegen. Ansonsten war in dem Kühlschrank nichts als Erdbeerjoghurts. Wie konnte diese schicke Frau einen solch gammeligen Kühlschrank haben?

Kati schloss ihn und atmete tief durch.

„Es ist keine Milch da.“

„Oh.“ Die Frau schaute verlegen drein. „Na ja. Hab vergessen, einkaufen zu gehen. Das macht sonst meistens mein Mann. Aber er ist viel unterwegs.“
Sie ließ die Hand sinken und wischte sich über ihr Kleid. Abrupt drehte sie sich um und öffnete einen der Hängeschränke.

„Vielleicht ist hier noch H-Milch, ansonsten müssen wir unten nachsehen. Im Keller“, fügte sie hinzu und warf Kati einen Blick zu, als hätte sie ihr widersprochen.

„Hören Sie, Sie müssen mich nicht zum Kaffee …“

„Ha, da ist sie.“

Triumphierend hielt die Frau eine Packung H-Milch hoch. Schwungvoll drehte sie sich um. Es hatte etwas Elegantes, wie ihr Rock verzögert die Drehung aufnahm und ihr um die schlanken Beine schwang. Aber auch diese Bewegung wirkte einstudiert. Strange.

Die Frau stellte die Packung auf den Tisch. Kati unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung, als sie feststellte, dass die Milch noch vier Wochen haltbar war.

Während die Frau den Wasserkocher holte, inspizierte Kati die Tassen. Sie waren sauber.

Leise vor sich hinsummend, löffelte die Frau Kaffeepulver in die Tassen und goss mit Wasser auf. Plötzlich verfinsterte sich ihre Miene. „Ich habe kein Gebäck“.

„Das macht nichts“, sagte Kati hastig. „Wirklich nicht.“

„Verdammt!“, rief die Frau. Kati zuckte zusammen.

„Entschuldigen Sie. Entschuldigen Sie. Wissen Sie, er vergisst einfach immer, etwas mitzubringen.“

„Äh, wer?“

„Mein Mann. Er vergisst es. Immer. Und gerade jetzt … Etwas Kuchen wäre doch schön.“

Die Frau beugte sich vor und legte Kati die Hand auf den Arm. „Oder?“

Es war mehr die Sanftheit ihrer Stimme als die Berührung ihrer ungewöhnlich warmen, feuchten Finger, die Kati zurückzucken ließ. Die Frau nahm ihre Hand weg und fuhr sich durchs Haar. Kati trank einen Schluck Kaffee. Er verbrannte ihren Gaumen. Sie hatte vergessen, Milch zu nehmen.

„Ich hätte wirklich große Lust auf ein wenig Gebäck“, fing die Frau schon wieder an. „Ich mag diesen abgepackten Zitronenkuchen aus dem Supermarkt. Den kaufe ich immer im Dutzend.“

Sie hob ihre Tasse an die Lippen. Es war nur ein Moment, aber er wirkte wie eine kleine Ewigkeit, so wie die Frau dieses Nippen zelebrierte: die halb geschlossenen Augen, die beiden Hände, die sich um die Tasse schlangen, das selbstvergessene Lächeln, als sie sie absetzte.

Langsam ging Kati die Tusse auf den Nerv. Die hatte echt einen an der Klatsche. War vermutlich zu viel allein. Kati sollte austrinken und gehen. Sonst saß sie noch heute Abend da. Ohne Geld.

„Ich glaube, ich habe noch einen Zitronenkuchen. Aber“, die Frau machte eine Pause und sah Kati beschwörend an, „unten. Im Keller.“

Sie beugte sich vor. Kati drückte ihren Rücken fest an die Stuhllehne. Das Holz rieb ihr hart über die Wirbelsäule.

„Ich würde ihn ja holen …“ Die Frau sah Kati unverwandt an.

Meine Güte. Jetzt reichte es aber.

„Danke für den Kaffee“, sagte Kati so freundlich wie möglich. „Jetzt muss ich weiter.“

„Was? Aber …“ Die Frau riss die Augen auf. „Entschuldigen Sie. Bitte. Sie müssen ja … Geld verdienen, sozusagen, nicht wahr?“

Kati nickte, hoffend, dass man ihr nicht ansah, dass sie genervt war.

„Natürlich. Entschuldigung.“

Die Frau sprang auf. Sie zerrte wieder eine der Küchenschubladen auf, diejenige, die sie zuerst durchsucht hatte. Kati überlegte, sie darauf hinzuweisen. Da holte die Frau einen kleinen Geldbeutel heraus.

Na so was!

Das schwarze Leder war abgenutzt und speckig. Langsam, als sei es etwas Besonderes, zog die Frau den Reißverschluss auf.

„Oh“. Ihr Mund formte noch immer den Buchstaben, als der Laut längst verklungen war. Sie wandte sich Kati zu und streckte ihr einen Zwanzigeuroschein hin.

„Möchtest du den?“

Die Frau lächelte. Hatte sie absichtlich zum „du“ gewechselt? Für einen Moment glitzerte Boshaftigkeit in ihren Augen.

„Na? Denk an die Pferdchen.“

Kati sagte nichts. Hätte ihr klar sein müssen, dass die nicht einfach nur freundlich war. Jetzt gab es keine Verstellung mehr. Kati wollte das Geld, weil sie es brauchte. Und die Frau entschied, ob sie es bekam oder nicht.

„Du kriegst ihn, wenn du mit mir in den Keller gehst. Zitronenkuchen holen.“ Die Frau kicherte.

Mann, die war ja krank. Kati wäre am liebsten wortlos abgehauen. Sie musste sich zusammenreißen. Und … was war schon dabei. Sie würde einen Zwanziger bekommen! Denk an das Geld, hörte sie Angelas eindringliche Stimme in ihrem Kopf. Egal, was kommt, denk an das Geld.

„Okay.“ Kati schluckte.

„Prima.“ Die Frau wischte sich imaginären Angstschweiß von der Stirn. „Weißt du“, sie kam auf Kati zu, „ich trau mich da allein nicht runter. Mein Mann findet das albern, aber so ist es nun mal.“

„Jeder hat vor etwas anderem Angst“, sagte Kati in ihrem verständnisvollsten Tonfall.

Die Frau lächelte dankbar. Jetzt sah sie aus wie ein kleines Mädchen. Sie beugte sich vor, griff in die Schale und fischte eine Erdbeere heraus. Sie schimmerte gräulich an einer Stelle, und Kati hätte schwören können, dass das Schimmel war. Die Faszination siegte über den Ekel, und Kati starrte die Frau an, wie sie die Erdbeere in den Mund steckte. Saft tropfte herab auf ihr Kleid. Die Frau schaute stirnrunzelnd auf den Fleck. Dann wischte sie mit den Händen darüber. Mit zufriedenem Blick begutachtete sie die schmierigen Streifen.

„Das Leben ist Kunst“, sagte sie feierlich. Dann blickte sie zu Kati und lachte ihr Grillenlachen.

Abrupt wurde sie ernst. „Komm jetzt“, sagte sie streng. „In den Keller.“ Sie wedelte mit dem Zwanziger in Katis Richtung.

Blöde, durchgeknallte, erpresserische Kuh!

Kati folgte der Frau in den Flur zur Kellertür.

„Weißt du“, wisperte die Frau, „mein Mann hat keine Ahnung von Kunst. Er ist dagegen, dass ich noch weitere Bilder aufhänge. Hast du sie dir angeschaut? Ich habe sie gemalt. Ich.“ Sie sah Kati erwartungsvoll an, aber ehe die den Mund aufmachen konnte, wiederholte die Frau: „Er ist dagegen.“

„Ungeheuerlich“, hauchte Kati.

Die Kellertür quietschte, als die Frau sie öffnete.

Klar. Für einen Moment rechnete Kati damit, dass dahinter ein Fernsehteam stand, sich halb totlachte und ein spießiger Moderator sie in den Arm nahm, ihr Mundgeruch entgegenatmete und gluckste: „Kennen Sie die Sendung ‚Kamera versteckt!’?“

Aber hinter der Tür gähnte nur Dunkelheit, zähflüssige, süßlich riechende Schwärze. Unvermittelt nahm die Frau Katis Hand. Sie war schweißnass. Kati wollte sich lösen, aber die Frau krallte sich an ihr fest. Die Tür hinter ihnen fiel zu. Der feuchte Atem der Frau kitzelte Katis Ohr. Angst sprang sie plötzlich an wie eine Katze. Sie hatte niemandem gesagt, wo sie hingegangen war.

Da flammte Licht auf.

„Manchmal finde ich den Schalter nicht“, sagte die Frau. Ihre Stimme war ruhig, fast träge.

Sie ging eine Stufe hinab und zog Kati hinter sich her. „Na komm. Oder fürchtest du dich jetzt etwa?“

Sie winkte mit dem Zwanziger. Für einen Moment glitzerte es wieder in ihren Augen.

Katis Herzschlag beschleunigte.

Denk an das Geld.

„Manchmal schmollt er“, sagte die Frau unvermittelt, während sie Kati die Windungen der Treppe hinunterführte. Der süßliche Geruch wurde stärker, legte sich auf Katis Zunge, verklebte ihren Gaumen. Sie unterdrückte ein Würgen.

„Dann zieht er sich zurück. Er hat ein Büro im Keller, und wenn er sauer ist, bleibt er den ganzen Tag da. Kommt nur nach oben, um sich was zu Essen zu holen.“

Kati antwortete nicht.

Denk an das Geld.

Wie ein Mantra wiederholte sie in Gedanken den Satz, während die Frau sie in die klebrige Dunkelheit hinab zog.

„Aber man darf nicht immer den ersten Schritt zur Versöhnung tun, oh nein, auch der Partner muss einem entgegenkommen. Und manchmal, da muss man sich auch wehren.“ Sie blieb stehen. Sie starrte Kati an und fasste sie am Arm.

Das Geld.

„Sie haben recht“, würgte Kati hervor.

Die Frau nickte zufrieden.

Sie erreichten den Keller. Im spärlichen Licht hatte das Gesicht der Frau etwas Geisterhaftes. „Da wären wir.“

Der Geruch war eine Mischung aus Fäulnis und Erde. Kati kämpfte. Sie begann zu zittern. Nur nicht kotzen. Ihr fiel dieser alte Film ein, in dem ein Verrückter seine tote Mutter im Keller sitzen hatte.

Oh Gott.

Das Geld …

Sie kamen an eine Metalltür. Die Frau stieß sie auf. Der Gestank dahinter war kaum zum Aushalten. Ein leises, hohes Geräusch durchbrach die Stille, und Kati merkte, dass es ihr eigenes Schluchzen war. Die Frau schien es nicht zu hören. Sie fasste in den Raum hinein. Ein leises Klicken, dann wurde es hell.

Kati hätte am liebsten geheult vor Erleichterung. Keine Leiche im Sessel. Dafür Kisten voller Äpfel und Birnen, Pflaumen und anderem Obst, zu undefinierbarem Matsch verfault. Regale voller uralt aussehender Marmeladengläser, Reispackungen, Nudeltüten. Und: Zitronenkuchen.

Die Frau drehte sich langsam zu ihr um. „Mein Mann hat sein Büro weiter hinten. Mit separatem Eingang von außen.“ Sie verrollte die Augen und grinste. „Er hasst den Geruch von Obst.“

Kati kicherte. Es klang hysterisch. Die Frau fiel in das Lachen ein, als wären sie alte Freundinnen, die lustige Erinnerungen austauschten.

Flink ging die Frau zum Regal und holte einen Armvoll Zitronenkuchen. „Als Vorrat“, sagte sie verschwörerisch. „Schließlich kommst du ja nicht jeden Tag, um mit mir in den Keller zu gehen.“ Sie sah aus, als würde sie das bedauern.

Die Frau löschte das Licht und schloss die Tür.

Als sie die Treppenstufen hinaufgingen, kam Kati ihre Angst albern vor. Oben angekommen streckte ihr die Frau den Zwanziger hin.

„Hier. Und danke.“

Kati nahm den Schein. Er knisterte in ihren Fingern. Mann, ein Zwanziger. Da konnte sie für heute nach Hause gehen. Sie musste nur noch dringend auf’s Klo.

„Ähm, könnte ich vielleicht noch die Toilette benutzen?“

„Aber natürlich.“ Die Frau schlug affektiert die Hände zusammen. „Gleich neben der Haustür.“

Selig ihren Zitronenkuchen an sich drückend, verschwand sie in der Küche.

Kati ging den Flur entlang. Noch immer hatte sie den Gestank in der Nase. Sie brauchte frische Luft.

Neben der Haustür waren zwei Türen, welche gehörte zum Bad? Kati überlegte nicht und öffnete die rechte.

Ein Augenpaar starrte sie an. Gläsern. Aber die Augen waren nicht aus Glas. Sie waren tot. Tot wie der Mann, der auf dem Boden kauerte, zwischen Eimern und Putzlappen. Ein Messer ragte aus seiner Brust. Und da war Blut. Jede Menge. Und Gestank.

Er verklebte Katis Kehle, ihr Schrei blieb darin hängen wie ein Insekt im Spinnennetz.

„Das war die falsche Tür“, sagte die Frau neben ihr. Kati hatte sie nicht kommen gehört.

Die Frau seufzte. „Tja. Er wollte wieder Streit. Ist selbst immer weg, und will mich aus dem Haus werfen. In ein Sanatorium bringen. Mich.“

Das letzte Wort brüllte sie. Ihre Augen funkelten. Sie brach in Gelächter aus.

Das löste Katis Starre. Sie stieß die Frau beiseite, riss die Haustür auf und rannte in den Regen, das Lachen im Ohr, den Gestank in der Kehle, der sie würgen ließ, das Gesicht des Toten als unvergessliche Erinnerung in ihr Hirn eingebrannt. Ihre Finger krallten sich um den Zwanziger, sie hielt sich daran fest, während sie rannte. Das Geld, dachte sie, das Geld.

 


Der Holzbaum Verlag hat zum Literatur-Wettbewerb gerufen. Hunderte haben mitgemacht und einen Text zum Thema “Unten” eingesendet. Keine leichte Aufgabe hier einen Gewinner zu finden. Doch es kann nur einen geben. Es ist soweit und wir präsentieren stolz den Siegertext von Martina Berscheid.

Das Buch kommt Ende September heraus.

144 Seiten
11,90 Euro

Erhältlich im Buchhandel oder portofrei
unter shop@holzbaumverlag.at

 

Quelle: http://viennarama.at/2011/08/27/literatur-wettbewerb-der-siegertext-das-geld/

http://facebook.com/holzbaum

- Werbung

Sag uns deine Meinung

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.