Nadelstreif und Tintenzisch

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Eine abenteuerliche Fauna in Buchform

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Mit „Nadelstreif und Tintenzisch“ haben der Autor Michael Stavaric und die Künstlerin Deborah Sengl ihr eigenes Bestiarium veröffentlicht. Insgesamt 51 mehr oder weniger fiktive Tiere werden darin in Wort und Bild ausführlich porträtiert.

Paradies der Tiere

Die Vielfalt der Tierwelt ist seit jeher Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Zahlreiche Lexika geben einen Überblick über die systematische Ordnung der Fauna, die anhand ihrer morphologischen und physiologischen Eigenschaften in Gruppen zusammengefasst werden. Im Bereich der Kunst geschieht dies in der Form von Bestiarien.

„Das Bestiarium an sich, der Begriff entstammt einer Tierdichtung und Tierliedern“, erklärt Michael Stavaric, „einer Sammlung von Tieren, die in irgendeiner Art und Weise dann klassifiziert, besungen, mit Fabeln versehen werden.“

„Das Bestiarium ist einfach der Versuch, irgendwie die tierischen Lebewesen in irgendeine Ordnung zu bringen“, ergänzt Deborah Sengl, „aber das müssen jetzt nicht reale Lebewesen sein, sondern das können ja auch quasi Kopftiere sein, also Tiere, die man irgendwie stellvertretend für etwas anderes sieht und denen man versucht, irgendeine Geschichte und ein Bild zu geben.“

Schnittblumen für den Nadelstreif

Alle Tiere, die in diesem Bestiarium vorgestellt werden, gehören zur Kategorie der „bislang noch im Untergrund operierenden und entschlossenen Tiere, deren Ratifizierung in den meisten Ländern noch aussteht“.

Der Nadelstreif. Quinquillus quixquex.
Der Nadelstreif verziert seine häuslichen vier Wände mit Schnittblumen (Sommer) und Tannenzapfen (Winter), liebt als einzige uns bekannte Spezies den rechten Winkel, Metaphysisches ist ihm gleichfalls nicht fremd, ergo „jede angebliche Erkenntnis über das, was hinter der Natur steht und sie möglich macht“. (…) Warum ihn Kunst im öffentlichen Raum so fasziniert, entzieht sich aller Kenntnis, doch führt der Nadelstreif penibel Buch darüber, was er selbst als Kunst im öffentlichen Raum erachtet. Darin finden sich Einträge wie: „Drei pissende Mädchen“, „Magenverstimmung im Wienerwald“, „Ein Schwarm hungriger Fliegen“ oder „Wanderameise mit japanischen Diktiergerät“.

„Mir ging’s gar nicht so sehr darum, dieses Bestiarium im klassischen Sinne irgendwo zu thematisieren, sondern mich hat einerseits interessiert, welche Arten von Bestiarien wurden im Lauf der Zeit irgendwie kreiert“, so Stavaric. „Fast jede Dekade hat ihr eigenes Bestiarium – in der Literatur sowieso, aber auch bildende Künstler, die sich quasi einen Zyklus geschaffen haben und das dann als Bestiarium bezeichnen.

Ein Gedichtband war Stavaric‘ Inspiration zu dem Buch, „wo eher klassischere, satirische kurze Gedichte zu den Tieren enthalten waren. Da hab ich mich dann immer wieder gefragt, wie würde ich so ein Thema angehen, weil ich generell immer wieder auch das Tiermotiv in meinen Romanen einbaue und dort irgendwie mit dem herumspiele.“

Fakten und Erfundenes

„Nadelstreif und Tintenzisch“ ist ein reich illustriertes, literarisches Lexikon, das die Existenz und objektive Beschreibbarkeit seiner Gegenstände suggeriert. Zu Beginn steht eine Einleitung, die nicht ganz ernst genommen werden soll, eine Mischung aus Fakten und Erfundenem. So zitiert Stavaric etwa aus einem Essay von Jorge Luis Borges, der darin wiederum eine alte chinesische Enzyklopädie anführt, die sich mit der Klassifizierung von Tieren beschäftigt. Michael Stavaric hat diese Einteilung um einige Punkte erweitert.

Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse.
a) dem Kaiser gehörige Tiere
b) einbalsamierte
c) gezähmte
d) Milchschweine
e) Sirenen
f) Fabeltiere
g) streunende Hunde
h) in diese Einteilung aufgenommene
i) die sich wie toll gebärden
j) unzählbare
k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete
l) und so weiter…

Metapher für Menschen

„Wenn ich ein Tier in irgendeiner Art und Weise in meiner Literatur vermenschlicht darstelle oder es zumindest anders definiere, als es biologisch der Fall wäre, dann bekommt das Buch oder die Aussage automatisch eine andere Note dazu, in der Regel eine Irritation, in der Regel auch eine Provokation, die das beinhaltet“, sagt Stavaric. „Auf der anderen Seite finde ich, dass man mit Tieren wunderbar einfach Geschichten erzählen kann, mit ihrer Hilfe, die menschliche Protagonisten so teilweise gar nicht haben, oder auch limitiert sind in der Vorstellungskraft.“

In der Literatur gebe es jede Menge Tiergestalten, die wie Menschen agieren, so Stavaric weiter. „Dieses Tier-Mensch-Zusammenspiel ist auch eine der essenziellen Achsen, um Geschichten zu erzählen.“ Für Deborah Sengl sind Tiere „eine wunderbare Metapher“ für menschliches Verhalten, um „einfach den Menschen zu karikieren, zu analysieren und darzustellen.“


Der Tintenzisch. Stylex timidium.

Der Tintenzisch ist in allen Aggregatszuständen heimisch, er verfügt über einen ausgeprägten Geruchssinn, seine Leidenschaft für Bücher und Kreuzworträtsel wird ihm allerdings bisweilen zum Verhängnis. Da er in solchen Momenten (Lektüren) alle Vorsicht außer Acht lässt – er stagniert dabei zudem in seiner motorischen Entwicklung -, wird er nur allzu leicht von Heft- und Buchseiten erschlagen. Seine sterblichen Überreste werden gerne mit Druckfehlern verwechselt, Experten versichern sogar, dass die meisten vermeintlichen Druckfehler auf verstorbene Tintenzische zurückzuführen sind.

„Ja der Tintenzisch ist eines dieser Tiere, der für mich in diese Kategorie der fast lautmalerischen, onomatopoetischen Ausdrücke fallen würde, weil das ‚Zisch‘ ist nun mal onomatopoetisch gedacht“, so Stavaric. „Natürlich wird da jeder dahinter einen Tintenfisch erkennen, also der Tintenfisch wurde zu einem Tintenzisch. Ich hab mich dann auch ein bisschen damit beschäftigt, bestehende Tiernamen umzuformulieren, und das ist sozusagen auch einer der kindlicheren Zugänge, wo man dann mit Kindern sprachspielerisch etwas umgestaltet. Es stecken halt irrsinnig viele kleine Details in den Texten.“

Als Autor ärgere er sich sehr, die ersten Fehler in seinen frisch gedruckten Büchern zu entdecken, Druckfehler zum Beispiel. „Man fragt sich dann manchmal, wie entsteht denn ein Druckfehler, wie kann das sein? Und so war das irgendwie der Tintenzisch, der ohnehin mit Tinte, mit Farbe oder was auch immer gefüllt ist. Da wird das Buch zugeschlagen und ein Druckfehler ist entstanden, weil sie ja sehr winzig sind, aber relativ gefährlich, weil sie ein scharfes Gebiss haben.“ Dieses scharfe Gebiss verdankt der Tintenzisch übrigens den von seinem Vater vererbten Goldzähnen.

Die „Drittelmaus“

Neben derartigen Gebräuchen werden in diesem Bestiarium außerdem nicht ganz jugendfreie Verhaltensweisen erörtert – etwa jene der sogenannten „Drittelmaus“, einem von Deborah Sengls Lieblingstieren. „Das ist eine Maus, die sich quasi den alkoholischen Rausch über die Einfuhr eines Tampons irgendwie ermöglicht“, erklärt Sengl dazu.


Die Drittelmaus. Rotandophilus vulgaris.

Die Drittelmaus neigt seit jeher zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen, was vielleicht daran liegen mag, dass bereits die seltsamen Vorlieben ihrer Vorfahren evolutionär begünstigt wurden – so wurde etwa ein bizzares Balzverhalten (das Abschneiden der Augenlider) mit zusätzlichem Sex belohnt. Neuerdings setzt die Drittelmaus sogar Trends in unserer modernen Gesellschaft, die ganze Generationen (von vorwiegend jungen Frauen) anstandslos übernehmen; einer der derzeitigen Renner ist der sogenannte „Alkoholismus mittels Vagina“. Das Einführen eines Tampons, der zuvor in hochprozentigen Alkohol getränkt wurde, ist bei Drittelmäusen zwar längst ein gewohntes Bild, doch übernehmen mittlerweile immer mehr menschliche Akteure diese Verhaltensweise.

Stavaric bezieht sich da auf Zeitungsmeldungen, wonach Mädchen mit Alkoholvergiftung in Krankenhäuser eingeliefert wurden, die keinen Alkohol getrunken hatten. „Da war die Frage, wie haben sich die den Alkohol zugeführt? Und da kam man dann drauf, die machen das mittels Tampon, den sie in Hochprozentigen eintauchen, einführen und dann dementsprechend schnell betrunken werden davon. Es lässt sich nicht dosieren, also bitte nicht nachmachen!“

Keine Vorlagen verwendet

„Ich hab mich wirklich voll auf den Text eingelassen und versucht, möglichst keine Bildvorlagen zu verwenden und keine Recherchen anzustellen, weil ich find, das wär dann in die falsche Richtung gegangen“, meint Sengl. „Es war, glaub ich, sehr schwierig, Worte und Tiere zu illustrieren, wo ich nie irgendwie eine Vorstellung gehabt habe, wie das denn überhaupt aussehen könnte“, meint Stavaric.

Die Randerscheinung. Arcangelus amplexus.

Randerscheinungen wurden schon in Löwenrudeln, Gnuherden, Delphin- und Fahrschulen gesichtet, gelten allerdings als lausige Autofahrer. In den Wintermonaten entziehen sie sich der Welt, es herrscht Paarungszeit, da will man lieber unter sich bleiben. Als bevorzugte Winterquartiere gelten Waschmaschinen und Zentrifugen: Männchen und Weibchen rollen sich dort ein und überlassen alles andere den Schleuderprogrammen, angeblich mischt sich ihre DNA so am effektivsten. (…) Stehen keine Waschmaschinen oder Zentrifugen zur Verfügung, begnügen sich Randerscheinungen auch mit Kofferräumen und Fahrradkörben. Durch Gewichtsverlagerung lenken sie zugehörige Fahrzeuge in Schlaglöcher ab, um ordentlich durchgeschüttelt zu werden; auch dies dient dem Arterhalt. Die so gezeugten Randerscheinungen leiden allerdings unverhältnismäßig oft an Allergien, Essstörungen und sensitiven Disharmonien.

Noch nicht entdeckt?

„Wenn die Tiere wüssten, was wir alles über sie nachdenken und uns in sie hineinfühlen wollen und so weiter, dann wären sie ja wahrscheinlich eh komplett überfordert“, meint Sengl. „Ich hab da jetzt keine Zahl im Kopf, aber ich möchte nicht wissen wie viele Tiere es gibt, die wir noch gar nicht entdeckt haben. Also kann es durchaus sein, dass Michael da Tiere beschreibt oder ich gezeichnet habe, die es vielleicht tatsächlich gibt und die Biologen haben sie noch nicht entdeckt.“

Der Wolkenkratzer. Purgans Phalantaeus.

Die äußere Fassade von Wolkenkratzern besteht aus hitzebeständigen Materialien, deren genaue Zusammensetzung niemand kennt; ihre inneren Organe sind entlang einer tragenden Säule angeordnet – das Herz zuoberst, nachfolgend Leber, Niere, Galle und Darm. Letzterer würde – vollständig ausgerollt – zweimal die Erde umspannen, ein intakter Verdauungstrakt ist und bleibt daher ein oftmals gehegter Herzenswunsch. Über den Stoffwechsel von Wolkenkratzern ist wenig bekannt, immerhin gilt es als gesichert, dass sie, wenn sie von alkoholhaltigen Früchten essen, weitgehend die Kontrolle über ihren Zungenschlag verlieren. Sie verfallen in unterschiedlichste Dialekte und Denkströmungen, mit Vorliebe zitieren sie allerdings Hegel.

 

Quelle: http://oe1.orf.at/artikel/286250′
Text:  Julia Reuter · 18.09.2011

Haymon Verlag – Nadelstreif und Tintenzisch

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